Drohnen, Roboter und „Digital Disruptors“ – Wie die Digitalisierung die KEP-Branche verändert und die letzte Meile revolutioniert

E-commerce, E-food, Multichannel-Handel – Die digitale Revolution des Handels schreitet unaufhaltsam voran und setzt dabei besonders die Kurier-, Express- und Paketdienstleister (KEP) unter enormen Handlungsdruck. Gemäß der Devise „E-Commerce: Zu langsam vorwärts bedeutet rückwärts“ sorgt der digitale Handel neben einem stetig ansteigenden Warenstrom, auch für ein verändertes Konsumverhalten und veränderte Serviceansprüche bei den Endverbrauchern. So sind z.B. Same-Day oder Same-Hour Lieferungen nicht mehr nur „nice to have“, sondern ein elementarer Bestandteil der Online Shopping Erfahrung.

Um dieser Realität gerecht zu werden, arbeiten Logistikdienstleister mit Hochdruck an der Entwicklung neuer Technologien und alternativer Supply Chain Modelle. Dabei werden in einem Spannungsfeld aus Kostenoptimierung und Kundenzufriedenheit zunehmend Geschäftsprozesse digitalisiert und ganze Geschäftsmodelle transformiert.

Kanal Egal beschäftigt sich daher diesmal mit der Frage, wie die Digitalisierung die KEP-Branche verändert und dabei auch die berüchtigte „letzte Meile“ revolutioniert.

Paketzustellung in Deutschland – Wachstum ohne Ende und Probleme für Paketdienstleister

Aktuelle Branchendaten des Bundesverbands für Paket und Expresslogistik (BIEK) belegen, dass der Paketmarkt in Deutschland boomt. So erwirtschaften die Kurier-, Express- und Paketdienstleister (KEP) bei rund 11 Mio. Sendungen pro Zustelltag einen Gesamtumsatz von fast 20 Mrd. € im Jahr. Dabei verzeichnet die Branche jährliche Wachstumsraten von knapp 5 Prozent.

Quelle: BIEK

Das anhaltende Wachstum wird dabei vor allem von der positiven Entwicklung des Online Handels getrieben, der zwischen 2010 und 2017 seinen Umsatzanteil am Einzelhandel von 3,7 Prozent auf 9,9 Prozent steigern konnte. Dies entspricht derzeit einem Gesamtvolumen von 48,7 Mrd. €.

Und auch ein Ende dieses Trends ist nicht absehbar – laut Deutsche Post DHL und BIEK kann bis 2020 weiterhin mit einem Anstieg der jährlichen Paketmengen um 5 bis 7 Prozent gerechnet werden.

Doch statt angesichts des anhaltend starken Wachstums zu frohlocken, drohen die Paketdienstleister an der stetig wachsenden Paketmenge zu zerbrechen. Kunden erwarten neben einer pünktlichen Lieferung immer mehr Zusatzleistungen wie eine erhöhte Sichtbarkeit, mehr Flexibilität oder größere Kontrolle im Lieferprozess. Sie möchten bestimmen wann und wo sie ihr Paket erhalten und ständig über den Lieferstatus informiert werden.

Wachsende Paketflut, steigende Kosten und immer anspruchsvollere Kunden – Logistikunternehmen und Paketdienstleister müssen nun Lösungen für diesen schwierigen Balanceakt finden und eine erfolgreiche Digitalisierung scheint dabei der einzige Ausweg aus diesem Dilemma zu sein.

Die Digitalisierung der Logistikbranche – Nachholbedarf und gefährliche Kurzsicht

Beim Blick auf den Digitalisierungsgrad der deutschen Verkehrs- und Logistikbranche wird allerdings deutlich, dass der Weg zur erfolgreichen Digitalisierung noch weit ist und viele Unternehmen ihre Bedeutung scheinbar unterschätzen.

So bescheinigt die Bundesregierung der Branche im Monitoring Report Wirtschaft Digital 2018 erheblichen Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung und ordnet sie lediglich dem digitalen Mittelfeld zu.

Quelle: BMWI

Auch die Bewertung der strategischen Bedeutung der Digitalisierung durch Logistikunternehmen bereitet Sorgen.  Hier geben fast zwei Drittel der Unternehmen an, dass die Digitalisierung eher wenig oder nur sehr gering in ihre Unternehmensstrategie eingebunden ist. Wie sich die Geschäftsmodelle der Logistikbranche in der Digitalisierung verändern müssen und welche Herausforderungen dabei auf sie lauern können beschreibt Kanal Egal hier: Wie digitale Geschäftsmodelle die Logistikbranche verändern.

Die KEP-Branche: Digitaler Vorreiter dank Weitsicht

Im Gegensatz dazu sieht sich der kleine Bruder der klassischen Logistik, die KEP-Branche, als digitaler Vorreiter und Vorbild für andere Segmente der Verkehrs- und Logistikmärkte.

Laut dem ehemaligen Vorsitzenden des Bundesverbandes für Paket und Expresslogistik Dr. Florian Gerster haben die KEP-Unternehmen schon früh erkannt, dass in einer konsequenten Digitalisierung und Automatisierung riesige Effizienzchancen liegen. Dementsprechend treiben sie seit Jahren mit hohem Aufwand Innovationen in diesem Bereich voran.

Besondere Bedeutung hat für sie dabei die Weiterentwicklung ihrer Kernkompetenz – die dynamische Tourenplanung. Mit Hilfe des IoT, künstlicher Intelligenz und Big Data werden hier Sortiervorgänge bereits im Depot optimiert und anschließend ganze Zustellflotten digital vernetzt, wodurch eine optimale Steuerung der Prozesse und Strukturen im Zustellverkehr ermöglicht wird. Experten von Accenture gehen davon aus, dass durch diese Maßnahmen u.a. die durchschnittlichen Transportstrecken um bis zu 30 Prozent und die Anzahl der benötigten Zustellfahrzeuge um bis zu 10 Prozent reduziert werden können.

Eine weitere zentrale digitale Innovation im Rahmen der Kostenoptimierung ist die Auswertung von technischen und historischen Fahrzeugdaten. Diese Daten werden für die sogenannte „Predictive Maintenance“ genutzt und ermöglichen eine vorbeugende Instandhaltung und Wartung von Fahrzeugflotten. Dadurch können die Zustellunternehmen 15-30 Prozent ihrer Wartungskosten einsparen.

Auch die Erhöhung der Kundenzufriedenheit wird von den KEP-Unternehmen konsequent vorangetrieben. So ermöglichen sie ihren Kunden beispielsweise vermehrt die Versand- und Transportüberwachung von Waren in Echtzeit. Durch digitales Track & Trace kann man online den Weg seiner Sendung verfolgen und deren aktuel­len Status abrufen. Mit dessen Weiterentwicklung, dem Livetracking, wurde den Empfängern darüber hinaus die Möglichkeit geschaffen, die Paketzustellung am Zustelltag selbst zu steuern.

Insgesamt profitiert die KEP-Branche aber nicht nur von der Digitalisierung einzelner Geschäftsprozesse, sondern auch vom Markteintritt junger Unternehmen mit ganzheitlich digitalen Geschäftsmodellen. Diese „Digital Disruptors“ innovieren die Branche durch ein breites Leistungsspektrum in den Bereichen Datenanalyse, Lagerhaltung oder Prozess- und Bestandsmanagement. Neben Softwarelösungen, u.a. für Predictive Analytics, fokussieren sie sich auch zunehmend auf die Entwicklung von effizienten Zustellverfahren und -technologien für die berüchtigte „letzte Meile“.

Drohne, Roboter oder „Liefery“? – Wie sieht die digitale Revolution auf der letzten Meile aus?

Mit einem Anteil von durchschnittlich 41 Prozent an den Gesamtkosten des Lieferprozesses, bereitet die letzte Meile Logistikdienstleistern seit je her Kopfzerbrechen.  

Quelle: Campgemini

Die Gründe für die hohe Kostenbelastung sind dabei vielfältig: Zum einen ist die traditionelle Auslieferung durch Paketzusteller in Kleintransportern sehr planungs- und personalintensiv, zum anderen sorgen die, bereits erwähnten, gestiegenen Serviceanforderungen der Endkunden für zusätzliche Kosten bei den Paketdienstleistern.

Um von der positiven Entwicklung auf dem Paketmarkt auch nachhaltig profitieren zu können, bedarf es daher jetzt ganzheitlicher Lösungen für diesen kostenintensiven letzten Lieferabschnitt. Roger Hillen Pasedag, Direktor für Strategie und Innovation der Hermes Germany GmbH, weist bei den aktuell diskutierten Lösungsmodellen besonders auf die zentralen Anforderungen Skalierbarkeit und Zusatznutzen für Endkunden hin.

Gerade das aktuelle Trendthema „Paketzustellung durch Drohnen“ sieht er deshalb eher als Zukunftsvision denn als realistische Sofortlösung. Dies liege neben einer fehlenden Technologieakzeptanz bei den Kunden und offenen juristischen Fragestellungen bezüglich innerstädtischer Drohnenflüge vor allem daran, dass Drohnen noch gar nicht in der Lage seien, die derzeit anfallenden Liefervolumina zu stemmen.

Ebenso weit entfernt ist die flächendeckende Auslieferung von Paketen durch autonom fahrende Roboterfahrzeuge. Zwar gibt es hier vermehrt vielversprechende Konzepte und umfangreiche Investitionen – so erhielt beispielsweise der kalifornische Hersteller Nuro erst kürzlich eine milliardenschwere Förderung durch den „Softbank Vision Fund“ – doch gerade in Deutschland wird sich diese Technologie in naher Zukunft, aufgrund fehlender Rechtssicherheit im Bereich des autonomen Fahrens, wohl nicht etablieren können.

Quelle: Industrytap.com

Einen vielversprechenden und realistischen Lösungsansatz für die Paketzustellung auf der letzten Meile bieten dagegen Start Ups mit innovativen, digitalen Geschäftsmodellen. Zu diesen „digital disruptors“ zählt z.B. das deutsche Unternehmen „Liefery“.

Liefery ist eine Technologie- und Serviceplattform für Same Day-, Next Day- und FMCG-Delivery. Durch eine Mischung aus Technologie sowie innovativen operativen Konzepten setzt man hier auf die Realisierung schneller, flexibler, transparenter und planbarer Last-Mile-Services im urbanen Raum.

Ihre eigens entwickelte Technologieplattform ermöglicht dabei neben einer minutengenauen Routen- und Tourenplanung auch eine lückenlose Kommunikation mit den Endkunden per Mail oder SMS. Dadurch gelingt es Liefery den Balanceakt zwischen Effizienzsteigerungen und einer Verbesserung der Kundenzufriedenheit zu meistern.

Branchenkenner sehen in diesem Konzept den Anfang eines kompletten „Market Shifts“ weg von klassischen Paketdiensten hin zu hochtechnologisierten Logistikplattformen, die mit State-of-the-Art-Schnittstellen zur Anwendungsprogrammierung alle relevanten Stakeholder (Versender, Empfänger, Zusteller) verbinden und als White Label-B2B-Lösung im Hintergrund agieren.

Dieses Auftreten als White Label Dienstleister ermöglicht es Onlinehändlern, gerade auf der letzten Meile, ihre eigene Marke deutlich sichtbarer zu platzieren und somit ihre Customer Journey bis zur Haustür der Kunden zu verlängern.

Auch für die innerstädtische Logistik, die sich aufgrund eines drohenden Verkehrskollapses zunehmend als Bottleneck für Paketdienstleister erweist, bieten die Geschäftsmodelle der „Digital Disruptors“ attraktive Lösungskonzepte. Hier punkten sie unter anderem mit flexiblen, für den Kunden digital steuerbaren, Zustellmethoden wie Kofferraumlieferungen oder Micro-Hubs.

Gerade mit der Einrichtung von Micro-Hubs, das sind zentrale und teilweise mobile Paketdepots, die sich mithilfe von Smartphones öffnen lassen, wird dem Ruf nach einem erhöhten „Dropfaktor“ Rechnung getragen. Bei Lieferungen an Privatadressen von Endkunden, liegt diese zugestellte Paketmenge pro Stopp nämlich so niedrig, dass Paketdienstleister vermehrt das Konzept einer zusammengefassten Zustellung verfolgen. Kunden haben so zu jeder Tages- und Nachtzeit Zugriff auf ihre Pakete und Paketdienstleister umgehen kostspielige Zusatzfahrten für wiederholte Zustellungsversuche. Statt „Paket zu Kunde“ lautet die Devise hier also „Kunde zu Paket“ – dadurch lösen die Micro-Hubs das Problem der letzten Meile, indem sie sie schlichtweg abschaffen. Dies erhöht letztlich nicht nur die Zufriedenheit der Endkunden sondern entlastet auch das innerstädtische Verkehrsnetz massiv.

Auch die großen Onlinehändler haben das Potenzial dieser Lösung erkannt. Um Zustellengpässe zu vermeiden bietet beispielsweise Amazon mit seinem „Amazon Locker“ Angebot Kunden die Möglichkeit, ihre Pakete direkt in Amazons eigenen Micro-Hubs abzuholen.

Quelle: Amazon.com

Wachsende Paketflut, gestiegene Kundenanforderungen, neue Technologien und disruptive digitale Geschäftsmodelle – Kanal Egal hat gezeigt, wie die Digitalisierung die KEP-Branche grundlegend verändert und dabei auch die berüchtigte letzte Meile revolutioniert. Inwieweit sich die vorgestellten Technologien und Geschäftsmodelle aber dauerhaft am Markt etablieren werden und welche Konzepte sich letztlich durchsetzen werden, bleibt abzuwarten und wird von uns weiter aufmerksam beobachtet.

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